Kinder und Jugendliche für Sport begeistern: Von Vorbildern bis Jugend+Sport

Samstagnachmittag, das Wetter wäre ideal – und das Kind liegt auf dem Sofa mit dem Smartphone in der Hand. Viele Eltern kennen dieses Bild.

Dabei hat fast jedes Kind irgendwo eine Sportart, die es begeistern könnte. Die Frage ist nur: Wie findet man sie – und wie sorgt man dafür, dass die Freude daran bleibt?

Bewegung ist für Kinder und Jugendliche keine Nebensache. Sie fördert nicht nur die körperliche Entwicklung, sondern auch die Konzentration, das Selbstvertrauen und den Umgang mit anderen. Trotzdem zeigt die Schweizer Langzeitstudie SOPHYA des Swiss TPH, dass die körperliche Aktivität bei Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 16 Jahren mit zunehmendem Alter abnimmt – und die Zeit, die sitzend verbracht wird, zunimmt. Zwischen dem 10. und 14. Lebensjahr verdoppelt sich laut dem Bericht «Sport Schweiz 2020» der Anteil der inaktiven Kinder von rund 9 auf 18 Prozent. Das ist kein unabwendbares Schicksal, wie dieselbe Studie zeigt: Kinder, die früh einen aktiven Lebensstil entwickeln, behalten ihn häufig auch im Jugendalter.

Warum Kinder aufhören, sich zu bewegen

Kleine Kinder bewegen sich von Natur aus – sie klettern, rennen, hüpfen, ohne dass man sie dazu ermuntern müsste. Ab dem Schulalter ändert sich das. Der Alltag findet zunehmend im Sitzen statt: Unterricht, Hausaufgaben, Bildschirmzeit. Die Freizeit konkurriert mit dem Smartphone und der Spielkonsole.

Laut der WHO sollten sich Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 17 Jahren täglich mindestens 60 Minuten moderat bewegen. Laut Schweizer Daten erreichen das viele nicht – bei Mädchen ist die Quote der Inaktiven dabei noch etwas höher als bei Knaben, wobei die Mädchen in den letzten Jahren aufgeholt haben. Ein weiterer Faktor, den Fachpersonen von Medbase betonen: Wird nicht rechtzeitig eine Sportart gefunden, die wirklich Spass macht, wird es mit zunehmendem Alter immer schwieriger, das Interesse an Bewegung wieder zu wecken. Der Einstieg in jungen Jahren ist deshalb entscheidend.

Der grösste Hebel: Eltern als Vorbilder

Eine im Herbst 2025 veröffentlichte Studie des Swiss TPH, eingebettet in die SOPHYA-Kohortenstudie, belegt eindrücklich: Kinder von Eltern, die sich regelmässig bewegen, bewegen sich selbst mehr – und das nicht nur kurzfristig, sondern auch noch fünf Jahre später. Die Muster von Eltern und Kindern gleichen sich dabei in Bezug auf Sitzen, leichte und intensivere Aktivität. Das bedeutet konkret: Eltern, die selbst aktiv sind – sei es durch Sport, durch den Verzicht auf das Auto für kurze Strecken oder durch Spaziergänge statt Fernsehaben – geben damit das stärkste Signal, das sie ihren Kindern geben können. Wer sein Kind zu mehr Bewegung animieren will, beginnt am besten bei sich selbst.


Gemeinsam auf dem Velo: Eltern, die Bewegung vorleben, geben ihren Kindern den stärksten Anreiz für einen aktiven Lebensstil.

Spass vor Leistung – immer

Ein häufiger Fehler liegt im falschen Ehrgeiz. Eltern, die ihre Kinder zu früh auf Wettkämpfe und Leistungen fixieren, riskieren das Gegenteil von dem, was sie beabsichtigen: Das Kind verbindet Sport mit Druck, Versagen und Pflicht. Fachpersonen sind sich einig, dass Spass an der Bewegung der wichtigste Motor ist. Das bedeutet auch: Nicht jede Sportart passt zu jedem Kind, und das ist in Ordnung. Schnupperstunden in verschiedenen Vereinen, Ausprobieren ohne Verpflichtung und das Zulassen von Wechseln helfen Kindern dabei, ihre eigene Sportart zu finden. Wer als Elternteil bei Wettkämpfen dabei ist, sollte die Energie fürs Anfeuern nutzen – nicht fürs Coachen. Den Trainer spielen, während das Kind gerade den Ball verliert, ist der schnellste Weg, die Freude am Sport zu killen.

Gemeinschaft macht den Unterschied

Für Jugendliche besonders wichtig: Mit wem sie Sport treiben, ist oft relevanter als welchen Sport. Die Freundin ist beim Volleyball dabei, der beste Kollege beim Fussball – das zieht mehr als jede Elternmotivation. Vereine bieten genau das: Zugehörigkeit, soziale Kontakte ausserhalb der Schule und das Gefühl, Teil von etwas zu sein. Laut dem Sportamt des Kantons Zürich wirkt sich eine Vereinsmitgliedschaft der Eltern zusätzlich positiv auf die sportliche Aktivität der Kinder aus. Wer also selber im Turnverein oder im Tennisclub ist, öffnet auch für das Kind eine Tür in diese Welt.


Im Verein entsteht mehr als Sport: Freundschaften, Zugehörigkeit und das Gefühl, Teil eines Teams zu sein – das hält Jugendliche bei der Stange.

Jugend+Sport: Der Schweizer Weg

In der Schweiz gibt es mit Jugend+Sport (J+S) ein staatliches Sportförderprogramm, das weltweit seinesgleichen sucht. Das grösste Sportförderprogramm des BASPO richtet sich an Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 20 Jahren, unterstützt rund 85 Sportarten und Disziplinen und ermöglicht jährlich über 600’000 Teilnehmenden Kurse und Lager mit ausgebildeten Leiterinnen und Leitern. Die SOPHYA-Studie belegt nun erstmals auch den langfristigen Nutzen: Kinder, die an J+S-Aktivitäten teilnehmen, behalten ihr Bewegungsverhalten mit zunehmendem Alter eher bei als Kinder ohne organisierte Sportaktivitäten. Das Programm ist über Vereine, Schulen und kantonale Sportfachstellen zugänglich – ein erster Anlaufpunkt für Eltern, die nach einem strukturierten Sportangebot suchen, das bezahlbar und pädagogisch begleitet ist. Informationen dazu finden sich auf jugendundsport.ch.

Video-Tipp: So funktioniert Jugend+Sport

Wie J+S in der Praxis funktioniert und welche Angebote es für Kinder und Jugendliche in der Schweiz gibt, zeigt das offizielle Erklärvideo des BASPO.



Bewegung in den Alltag einbauen – ohne grossen Aufwand

Nicht jede Bewegung muss im Verein oder auf dem Sportplatz stattfinden. Alltägliche Entscheidungen summieren sich: Der Schulweg auf dem Velo statt im Auto. Die Treppe statt dem Lift. Ein Spaziergang nach dem Abendessen statt direkt auf die Couch. Wer zu Hause genug Platz hat, kann mit einem kleinen Trampolin, Hüpfbällen oder einer Reckstange im Türrahmen Bewegungsanreize schaffen. Geocaching – eine Art moderne Schnitzeljagd per GPS – ist eine weitere Möglichkeit, Bewegung mit Technik zu verbinden und damit auch Kinder anzusprechen, die dem klassischen Sport skeptisch gegenüberstehen. Und schliesslich: Gemeinsame Familienausflüge mit Rad, Wanderschuhen oder Schwimmbadbesuch haben keinen schlechten Ruf – sie schaffen Erinnerungen und nebenbei jede Menge Bewegung.

Bildschirmzeit und Sport: Kein Entweder-oder

Eltern, die ihren Kindern den Bildschirm grundsätzlich wegnehmen wollen, kämpfen oft einen aussichtslosen Kampf. Sinnvoller ist eine klare Regelung: Wann ist Bildschirmzeit, und wann nicht. Wer nach dem Sport die Spielkonsole anschalten darf, hat einen Anreiz. Wer erst spielen darf, wenn er draussen war, auch. Klar kommunizierte und konsequent eingehaltene Regeln sind laut Fachleuten wirksamer als Verbote. Es geht nicht darum, Bildschirme zum Feind zu erklären – sondern darum, Bewegung ihren festen Platz im Tag zu sichern.

Fazit

Kinder für Sport zu begeistern ist keine Frage von Druck oder Überzeugungsarbeit. Es ist eine Frage von Gelegenheiten, Vorbildern und der Freiheit, die eigene Sportart zu finden. Wer als Elternteil selbst aktiv ist, gemeinsam Aktivitäten plant und die Freude an der Bewegung in den Vordergrund stellt, legt einen Grundstein, der weit über die Kindheit hinaus wirkt. Das belegt die Forschung – und das spürt man im Alltag.

 

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