Hühner artgerecht halten: Alles Wichtige zu Stall, Auslauf, Fütterung und Gesundheit

Morgens, wenn die Stalltüre aufgeht, stolzieren sie hinaus ins Gras, scharren, picken, staubbaden und gackern miteinander. Hühner, die wirklich artgerecht leben dürfen, sind faszinierende, gesellige Tiere mit klaren Bedürfnissen und einer ausgeprägten sozialen Intelligenz. Wer das versteht, legt den Grundstein für glückliche Tiere und ein erfülltes Zusammenleben.

Immer mehr Menschen in der Schweiz entscheiden sich dafür, ein paar Hühner zu halten – für frische Eier, das Beobachten der Tiere und den Wunsch nach mehr Naturnähe im Alltag. Laut dem Schweizer Tierschutz STS hat die Geflügelhaltung in der Schweiz in den letzten zwanzig Jahren um über 70 Prozent zugenommen. Damit geht eine grosse Verantwortung einher – denn artgerecht zu halten bedeutet deutlich mehr, als einen Stall hinzustellen und Körner hineinzuwerfen.

Was Hühner wirklich brauchen – ihre natürlichen Bedürfnisse

Hühner sind Waldrand- und Waldtiere, die von Natur aus den grössten Teil des Tages mit Suchen, Scharren und Picken verbringen. Sie sind soziale Wesen mit einer klaren Rangordnung, erkennbaren Persönlichkeiten und einem guten Gedächtnis – Hühner können laut Forschungen bis zu hundert Artgenossinnen individuell erkennen. Sie kommunizieren mit über dreissig verschiedenen Lautäusserungen. Ihr Wohlbefinden hängt davon ab, dass sie folgende Grundbedürfnisse täglich ausleben können: Scharren und Picken im Boden, Staubbäder nehmen, auf erhöhten Sitzstangen schlafen, sich in Sträuchern und Hecken verstecken und in Nestern Eier legen. Tiere, denen diese Möglichkeiten fehlen, entwickeln Verhaltensstörungen wie Federpicken oder gegenseitiges Hacken – nicht aus Bosheit, sondern aus Frustration und Stress.

Mindestens drei Tiere – und am besten mehr

Hühner dürfen nicht alleine gehalten werden. Laut dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) sind mindestens drei Tiere empfohlen. Aus Sicht des Tierwohls sollte es noch mehr sein: Eine Gruppe von vier bis sechs Tieren gibt jedem Huhn genug Möglichkeiten, Freundschaften zu knüpfen und sich bei Unstimmigkeiten aus dem Weg zu gehen. Für Einsteiger sind rein weibliche Gruppen oft einfacher zu halten – Hennen legen auch ohne Hahn Eier, allerdings unbefruchtete. Wer einen Hahn dazu nimmt, muss die Nachbarsituation sorgfältig prüfen, denn ein Hahn beginnt bereits vor Sonnenaufgang zu krähen. Neue Tiere sollten nie einzeln, sondern immer mindestens zu zweit in eine bestehende Gruppe integriert werden, um den Stress der Eingewöhnung zu mindern.


Ein ruhiges, mit Stroh ausgelegtes Legenest ist für Hennen unverzichtbar – sie brauchen einen geschützten, abgedunkelten Rückzugsort für die Eiablage.

Der Stall: Sicher, trocken, begehbar – und gross genug

Für drei bis sechs Hühner schreibt das Schweizer Tierschutzrecht eine Mindeststallfläche von zwei Quadratmetern vor. Das ist das absolute Minimum – für eine wirklich artgerechte Haltung sollte es deutlich mehr sein. Der Schweizer Tierschutz STS und huehnerrichtighalten.ch empfehlen einen begehbaren Stall von rund 1,8 Metern Höhe, damit auch der Mensch den Stall problemlos betreten und reinigen kann. Der Stall muss folgende Anforderungen erfüllen:

  • Vollständig dicht gegenüber Regen und Wind, keine Zugluft
  • Mindestens ein Fenster für Tageslicht – Tageslicht ist laut BLV gesetzlich vorgeschrieben
  • Sitzstangen auf zwei verschiedenen Höhen, die unterste mindestens 50 Zentimeter über dem Boden, die oberste mit mindestens 50 Zentimetern Abstand zur Decke; vor den Stangen mindestens 60 Zentimeter freier Raum
  • Legenester: mindestens ein Nest pro fünf Hühner, ruhig und abgedunkelt, mit weicher Einstreu
  • Einstreu auf dem gesamten Boden, mindestens fünf Zentimeter tief – Hanfstroh, Hobelspäne oder gehäckseltes Stroh eignen sich gut
  • Gute Belüftung, aber keine Zugluft: feinmaschige Drahtöffnungen unter dem Dach fördern die Luftzirkulation
  • Schutz vor Nagern und Wildvögeln, die Krankheiten einschleppen können

Wichtig: Viele im Handel erhältliche Fertigställe sind in der Schweiz nicht gesetzeskonform. Ställe unter zwei Quadratmetern Grundfläche oder unter einem Meter Höhe sind verboten – auch wenn die Hühner nur nachts darin eingesperrt werden. Wer kauft, prüft am besten genau, und wer baut, lässt sich vom Zentrum für tiergerechte Haltung von Geflügel und Kaninchen (ZTHZ) in Zollikofen beraten.

Der Auslauf: Das Herzstück einer artgerechten Haltung

Hühner halten sich tagsüber kaum im Stall auf – der Auslauf ist ihr eigentliches Zuhause. Hier verbringen sie den grössten Teil des Tages. Umso wichtiger ist es, diesen wirklich grosszügig zu gestalten. Das gesetzliche Minimum ist für eine artgerechte Haltung nicht ausreichend: Fachpersonen der Website huehnerrichtighalten.ch empfehlen eine Weidefläche von mindestens 50 Quadratmetern für kleine Gruppen, für jedes Huhn über sechs Tiere zusätzlich rund 10 Quadratmeter. Wer noch mehr bietet – etwa 10 Quadratmeter pro Tier – tut den Tieren und dem Grünbestand gleichzeitig einen grossen Gefallen, da der Boden nicht so schnell kahl gefressen wird.


Freilauf auf der Wiese: Hühner, die täglich ins Grüne können, sind gesünder, aktiver und zeigen kaum Verhaltensprobleme – der Auslauf ist das Herzstück einer artgerechten Haltung.

Als Waldrandbewohner meiden Hühner freie, kahle Flächen: Sie bieten keinen Schutz vor Greifvögeln wie dem Habicht. Ein gut gestalteter Auslauf braucht deshalb zwingend Deckungsmöglichkeiten: einheimische Sträucher, Hecken, Bäume, aber auch Sonnenschirme oder -segel genügen. Eine überdachte Voliere – auch Wintergarten genannt – ergänzt den Auslauf ideal: Sie schützt die Tiere vor Regen und ist bei einem allfälligen Vogelgrippe-Aufstallungsgebot eine wertvolle Alternative zum Einsperren im Stall.

Video-Tipp: Die 10 häufigsten Anfängerfehler bei der Hühnerhaltung

Wer neu mit der Hühnerhaltung beginnt, macht typische Fehler – von der Stallgrösse bis zur Fütterung. Dieser praxisnahe Überblick hilft, sie von Anfang an zu vermeiden.



Fütterung: Vielfalt statt nur Körner

Ein häufiger Fehler in der Hühnerhaltung: Die Tiere bekommen hauptsächlich Körnermischungen. Das ist problematisch, weil handelsübliche Körnermischungen zu viele Kohlenhydrate enthalten und zur Leberverfettung führen können. Als Hauptnahrung empfiehlt das BLV Alleinfutter für Legehennen in Form von Pellets oder Futtermehl. Dazu kommen Grünfutter aus dem Auslauf, Rüstabfälle aus der Küche in zerkleinerter Form, und als Leckerli abends ein Handvoll Körner – das hilft übrigens auch dabei, die Hühner zuverlässig in den Stall zu locken. Frisches Wasser muss jederzeit und an mehreren Stellen verfügbar sein, sowohl im Stall als auch im Aussenbereich. Für die Verdauung brauchen Hühner ausserdem Quarzgrit oder Muschelkalk, der frei zugänglich sein sollte. Wichtig: Kein Fleisch, keine Nudeln, kein Brot und keine Kartoffeln.

Gesundheit und Hygiene: Täglich hinschauen lohnt sich

Hühner sind Meister darin, Krankheiten zu verbergen – wer krank wirkt, wird von der Gruppe gemieden. Deshalb lohnt sich die tägliche Beobachtung: Gesunde Tiere sind lebhaft, haben ein intaktes Gefieder, scharren und picken aktiv. Ein Tier, das apathisch in der Ecke sitzt, aufgeplustertes Gefieder hat oder nicht frisst, braucht umgehend tierärztliche Betreuung. Besondere Aufmerksamkeit verdient die rote Vogelmilbe, ein winziger, aber mit blossem Auge erkennbarer Parasit, der sich im Stall einnistet und nachts das Blut der Hühner saugt. Bei Verdacht sofort den gesamten Stall gründlich reinigen und mit biologischen Mitteln wie Silikaten oder Raubmilben behandeln. Chemische Mittel sollten nur in Absprache mit dem Tierarzt eingesetzt werden.

Was es rechtlich zu wissen gibt

Jede Hühnerhaltung in der Schweiz – auch die kleinste Hobbyhaltung mit drei Tieren – muss seit 2010 bei der kantonalen Koordinationsstelle registriert werden. Die Adressen der kantonalen Meldestellen finden sich auf blv.admin.ch. Eine Baubewilligung für den Stall ist je nach Kanton, Gemeinde, Stallgrösse und Bauweise unterschiedlich geregelt: Kleine, mobile Ställe sind vielerorts bewilligungsfrei, grössere oder fest verankerte Bauten müssen gemeldet oder bewilligt werden. Bei Hähnen können zusätzlich Lärmauflagen gelten. Es lohnt sich, die Gemeinde frühzeitig zu kontaktieren – und die Nachbarschaft noch früher.

Fazit

Hühner artgerecht zu halten ist kein grosser Aufwand – aber es braucht Konsequenz, Platz und den aufrichtigen Willen, die Bedürfnisse der Tiere ernst zu nehmen. Wer seinen Hühnern genug Auslauf mit Deckungsmöglichkeiten, einen ordentlichen Stall, abwechslungsreiches Futter und täglich ein paar Minuten Aufmerksamkeit gibt, hat Tiere, die sich wohlfühlen. Und das sieht man: Ein glückliches Huhn scharrt, staubt, gackert und rennt – und wer das täglich beobachten darf, versteht schnell, warum so viele Menschen diese Tiere ins Herz geschlossen haben.

 

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