ChatGPT als emotionaler Begleiter: Experten beobachten wachsende Abhängigkeit von KI

KI-Plattformen wie ChatGPT schreiben E-Mails, strukturieren den Alltag, beantworten Fragen aller Art und werden für immer mehr Menschen auch zum persönlichen Ratgeber oder vermeintlichen Therapeuten.

Was praktisch klingt, entwickelt sich nach Beobachtung der internationalen THE BALANCE zunehmend zu einem problematischen Abhängigkeitsmuster. Besonders bei jungen Erwachsenen erlebt das Behandlungsteam Fälle, in denen künstliche Intelligenz nicht mehr nur als Werkzeug genutzt wird, sondern menschliche Beziehungen, eigene Entscheidungen und emotionale Selbstregulation zunehmend ersetzt.

„Wir sehen hier einen ernst zu nehmenden wie schwerwiegenden Trend. Das Problem ist, dass die Betroffenen meistens gar nicht wegen ihrer KI-Nutzung zu uns kommen. Sie kommen wegen anderer psychischer Probleme oder Suchterkrankungen und erst während der Behandlung wird sichtbar, welche Rolle ChatGPT und andere digitale Anwendungen inzwischen in ihrem Leben spielen“, sagt Dr. med. univ. Sarah Boss, Chief Clinical Officer, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutin bei THE BALANCE. So liessen sich manche Patienten inzwischen sogar während einer Therapiesitzung einen Rat vom jeweiligen Chatbot geben, um sich nach eigenen Angaben „zu beruhigen“.


Dr. med. univ. Sarah Boss, Chief Clinical Officer, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutin bei THE BALANCE warnt vor der digitalen Abhängigkeit

Wenn die KI zum ständigen emotionalen Begleiter wird

Manche Patienten besprechen laut Dr. Boss nahezu jedes persönliche Problem mit der KI – von Ängsten und Beziehungen bis hin zu grundlegenden Lebensentscheidungen wie zum Beispiel die Wahl des künftigen Wohnorts. „Dass Menschen zunehmend das Vertrauen in die eigene Entscheidungsfähigkeit verlieren und emotionale Sicherheit womöglich nur noch über ein digitales System herstellen können, halte ich für höchst gefährlich“, so Boss.

Dabei sei die Entwicklung für Betroffene häufig kaum wahrnehmbar. Anders als bei klassischen Substanzen müsse eine digitale Anwendung schliesslich nicht gekauft, versteckt oder illegal beschafft werden. Sie sei permanent verfügbar – auf dem Smartphone, zu Hause, bei der Arbeit und selbst mitten in einer Therapiesitzung. Einen entscheidenden Grund für die starke Bindung an KI-Systeme sieht Boss in ihrer sozialen Niedrigschwelligkeit: Ein Chatbot ist jederzeit verfügbar, widerspricht selten und birgt vermeintlich kein Risiko, abgelehnt oder missverstanden zu werden.


Dr. med. univ. Sarah Boss, Chief Clinical Officer, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutin bei THE BALANCE

„Wer ohnehin unter sozialer Angst leidet, sich einsam fühlt oder Schwierigkeiten mit Nähe hat, findet dort einen scheinbar sicheren Raum. Aber genau darin liegt das Risiko: Je stärker die KI echte menschliche Begegnungen ersetzt, desto schwieriger kann es werden, wieder in reale Beziehungen zurückzukehren.“ Besonders beobachtet THE BALANCE diese Entwicklung unter den eigenen Patienten – 9 von 10 der unter 30-Jährigen weisen eine digitale Abhängigkeit oder gar KI-Sucht auf.

Mit Digital Detox die Kontrolle wiedererlangen

Die KI-Nutzung betrachtet THE BALANCE dabei nicht isoliert. Sie ist häufig Teil eines stark digitalisierten Alltags. Grundlegendes Muster: Das digitale Gerät fordert immer mehr Aufmerksamkeit, während reale Beziehungen darunter leiden. Mögliche Folgen sind Schlafprobleme, innere Unruhe, Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und die permanente Angst, etwas zu verpassen. „Wir sehen bei problematischer digitaler Nutzung immer wieder, wie sehr Menschen davon profitieren, wenn sie ihr Smartphone zumindest für bestimmte Zeiträume beiseitelegen: Sie schlafen besser, werden ruhiger, können sich länger konzentrieren und sind wieder stärker im Moment präsent.“


Dr. med. univ. Sarah Boss, Chief Clinical Officer, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutin bei THE BALANCE und Klinikgründer und CEO Abdullah Boulad

Aus diesem Grund spielt Digital Detox bereits zu Beginn vieler Behandlungen eine wichtige Rolle. Anders als bei Alkohol oder Kokain ist vollständige Abstinenz bei digitalen Technologien jedoch langfristig kaum realistisch. „Menschen müssen lernen, Technologie wieder kontrolliert zu nutzen – statt von ihr kontrolliert zu werden“, erklärt Boss.

Für die Klinik ist die wachsende Abhängigkeit von digitalen Systemen zunehmend ein Thema der mentalen Gesundheit. „Menschen brauchen Menschen“, sagt Boss. „Wir regulieren uns in Beziehungen, wir lernen durch andere Menschen, wir entwickeln Vertrauen, Nähe und Identität durch echte Begegnungen. Keine Technologie kann diese biologischen und emotionalen Bedürfnisse vollständig ersetzen.“ Gerade darin liegt für sie die zentrale Herausforderung der kommenden Jahre: KI sinnvoll einzusetzen, ohne ihr menschliche Fähigkeiten zuzuschreiben.

 

Quelle: THE BALANCE
Bildquellen: Bild 1: Symbolbild © alexsl/iStock.com; sonstige Bilder: THE BALANCE