Die vier Grand Slams: Australian Open, Roland Garros, Wimbledon und US Open

Vier Turniere, vier Beläge, vier Charaktere – und trotzdem ein gemeinsames Regelwerk, das sich in den letzten Jahren spürbar angenähert hat. Wer die Unterschiede zwischen Australian Open, French Open, Wimbledon und US Open wirklich kennt, versteht auch, warum ein Grand Slam im Kalenderjahr zu den seltensten Erfolgen im gesamten Sport gehört.

Der Begriff „Grand Slam» stammt ursprünglich aus dem Kartenspiel Whist beziehungsweise Bridge, wo er den Gewinn aller Stiche bezeichnet. Der amerikanische Journalist John Kieran übertrug ihn 1933 auf den Tennissport, als der Australier Jack Crawford drei der vier grossen Titel in Folge gewann. Bis heute gelang der echte Kalenderjahr-Grand-Slam im Einzel erst fünf Personen: Don Budge (1938), Maureen Connolly (1953), Rod Laver (1962 und als bisher einziger zweimal 1969), Margaret Court (1970) und Steffi Graf (1988), die im selben Jahr mit dem Olympiasieg zusätzlich den einmaligen „Golden Slam» schaffte.

Der grösste Unterschied: der Belag

Nichts prägt den Charakter eines Grand-Slam-Turniers so sehr wie der Untergrund. Die Australian Open werden in Melbourne Park auf dem Hartplatzbelag GreenSet gespielt, der laut ITF-Einstufung als „Kategorie 4, medium schnell» gilt. Die French Open in Paris sind der einzige Major auf Sand: Die roten Ziegelmehl-Plätze von Roland Garros verlangsamen den Ball und lassen ihn hoch abspringen, was lange, kräftezehrende Ballwechsel begünstigt.

Das kontrollierte Rutschen kurz vor dem Schlag ist nur auf Sand möglich – auf Hartplatz oder Rasen würde derselbe Bewegungsablauf zu Stürzen führen. Der lockere Ziegelmehl-Belag bremst die Schuhe gleichmässig ab und erlaubt es, den Ball auch aus einer weit auswärts gespielten Position noch kontrolliert zurückzuspielen.

Wimbledon bleibt der einzige Grand Slam, der seit der ersten Austragung 1877 durchgehend auf Rasen gespielt wird – seit 2001 auf reinem Deutschem Weidelgras (Lolium perenne), das den Ball flach und schnell springen lässt. Die US Open schliesslich spielen seit 2020 auf dem Hartplatzbelag Laykold, der gemäss ITF-Messung als „medium slow» gilt und damit spürbar langsamer ist als der Belag in Melbourne, auch wenn beide offiziell als Hartplatz zählen.

Eigene Bälle für jeden Major

Weniger bekannt, aber für Spielerinnen und Spieler durchaus spürbar: Jeder Grand Slam verwendet einen eigenen offiziellen Ball, den jeweiligen Sponsoren-Deal des Turniers. Die Australian Open setzen seit 2018 auf Dunlop, nachdem zuvor Wilson jahrelang Ausrüster war. Roland Garros wechselte 2020 zu Wilson, davor spielte man mit Babolat-Bällen, die bei den Spielerinnen und Spielern nicht überall auf Anklang stiessen, weil sie durch den Sandbelag zusätzlich an Gewicht gewinnen. Wimbledon setzt bereits seit 1902 auf Slazenger – die längste durchgehende Ausrüster-Partnerschaft im gesamten Profisport. Die US Open spielen mit dem Wilson US Open Extra Duty, der speziell auf Haltbarkeit und gleichmässigen Absprung auf dem schnellen New Yorker Hartplatz ausgelegt ist.

Format, Tiebreak und Zeitplan

Bei allen vier Turnieren gilt dasselbe Grundformat: 128 Spieler und 128 Spielerinnen im Hauptfeld, 32 gesetzte Positionen, sieben Runden bis zum Final. Die Herren spielen im Best-of-Five-, die Damen im Best-of-Three-Format – das ist bei allen vier Slams identisch. Lange gab es allerdings vier verschiedene Tiebreak-Regeln im Entscheidungssatz: Die Australian Open führten 2019 als erste einen Match-Tiebreak bis zehn Punkte bei 6:6 ein, Wimbledon spielte ab 2019 einen regulären Tiebreak erst bei 12:12, die US Open hatten seit 1970 durchgehend einen Sieben-Punkte-Tiebreak bei 6:6, während Roland Garros den Entscheidungssatz traditionell bis zu einem Vorsprung von zwei Spielen auslaufen liess. Seit 2022 ist das vereinheitlicht: Bei allen vier Majors entscheidet bei 6:6 im letzten Satz ein Match-Tiebreak bis zehn Punkte mit mindestens zwei Punkten Vorsprung.

Das Arthur Ashe Stadium während einer Abendsession an den US Open – das schliessbare Dach wurde 2016 nachgerüstet und macht das grösste Tennisstadion der Welt seither weitgehend wetterunabhängig.

Kalender, Klima und Dächer

Die Saison beginnt im Januar mit den Australian Open in Melbourne, meist unter grosser Hitze. Ende Mai bis Anfang Juni folgt Roland Garros in Paris, danach Ende Juni bis Mitte Juli Wimbledon in London – das einzige Turnier mit strikter Kleidervorschrift, denn mindestens 90 Prozent der Spielkleidung müssen weiss sein. Den Abschluss bilden die US Open Ende August bis Mitte September in New York, bekannt für ihre lauten Abendsessions. Inzwischen verfügen alle vier Majors über mindestens ein Stadion mit schliessbarem Dach: Wimbledon rüstete den Centre Court 2009 und den No.-1-Court 2019 nach, die US Open folgten beim Arthur-Ashe-Stadion 2016 und beim Louis-Armstrong-Stadion 2018, Roland Garros gab dem Court Philippe-Chatrier 2020 ein Dach, und in Melbourne verfügen mehrere Stadien inklusive der Rod Laver Arena seit Jahren über diese Technik.

Video-Tipp: Die vier Grand-Slam-Turniere im Überblick

Wer die wichtigsten Unterschiede zwischen den vier Majors noch einmal kompakt zusammengefasst sehen möchte, findet hier eine gute Übersicht zu Belägen, Terminen und Besonderheiten.



Linienrichter, Technologie und Preisgeld

Auch bei der Schiedsrichtertechnik gibt es einen bemerkenswerten Unterschied: Während die Australian Open, Wimbledon und die US Open inzwischen vollständig auf elektronische Linienentscheidungen setzen und auf menschliche Linienrichter verzichten, hält Roland Garros als einziger Grand Slam noch an klassischen Linienrichtern fest. Der Verbandspräsident der FFT begründete dies unter anderem damit, dass sich auf dem Sandbelag der Abdruck des Balls im Zweifelsfall direkt überprüfen lasse – ein Vorteil, den Hartplatz und Rasen nicht bieten. Beim Preisgeld liegen die vier Majors nah beieinander, wobei sich die genauen Summen von Jahr zu Jahr ändern und meist im Frühling oder Frühsommer neu bekanntgegeben werden. Die Weltranglistenpunkte sind hingegen bei allen vier identisch geregelt: Der Turniersieg bringt 2000 Punkte, der Finaleinzug 1200 Punkte – unabhängig davon, auf welchem Belag gespielt wurde.

Kleine Eigenheiten abseits des Hauptfelds

Auch neben dem Einzel setzen die vier Majors zunehmend eigene Akzente. Die US Open haben ihr Mixed-Doppel 2025 grundlegend umgebaut: Statt eines klassischen Turniers während der zwei Hauptwochen findet der Wettbewerb seither in einem verkürzten Format während der „Fan Week» vor dem eigentlichen Hauptdraw statt, mit prominent besetztem Teilnehmerfeld. Wimbledon wiederum bleibt bei der klassischen Terminierung während der zwei Turnierwochen und legt traditionell besonderen Wert auf die Qualifikation im nahegelegenen Roehampton, wo Zuschauerinnen und Zuschauer die Partien kostenlos verfolgen können. Solche Details wirken auf den ersten Blick klein, zeigen aber, wie unterschiedlich die vier Verbände ihre Traditionen pflegen und gleichzeitig mit neuen Formaten experimentieren.

Warum der echte Grand Slam so selten bleibt

Gerade weil sich die vier Majors in Belag, Tempo und Bedingungen so stark unterscheiden, gilt der Gewinn aller vier Turniere im selben Kalenderjahr als eine der grössten Einzelleistungen im gesamten Sport. Wer innerhalb weniger Monate von der Hitze Melbournes über das physische Grinden auf Sand und die explosiven Ballwechsel auf Rasen bis zur lauten Kulisse von Flushing Meadows konstant auf höchstem Niveau bestehen will, muss praktisch jeden Spielstil beherrschen. Das erklärt, weshalb seit Steffi Graf 1988 niemandem mehr der kalendarische Grand Slam im Einzel gelungen ist – und warum jeder einzelne Titelgewinn bei einem der vier Majors für sich genommen bereits als Krönung einer Karriere gilt.

 

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