Omans Tierwelt zwischen Bergen, Wüste und Meer: Leopard, Oryx und Schildkröten

Wer im Oman unterwegs ist, lernt schnell, den Blick zu senken. Nicht aus Demut vor der Landschaft – obwohl auch das angebracht wäre –, sondern weil sich das Leben hier oft erst auf den zweiten Blick zeigt. Eine Spur im Sand. Kleine Hufabdrücke zwischen Geröll. Ein Schatten, der über eine Felswand huscht.

Oman ist kein Land der spektakulären Safari-Momente wie Ostafrika. Seine Tierwelt ist scheu, zurückhaltend, manchmal fast unsichtbar. Gerade das macht ihren Reiz aus.

An Land, im Wasser und an der Küste – Oryxantilope, Fischschwärme und Meeresschildkröten stehen stellvertretend für die aussergewöhnliche Artenvielfalt überall in Oman.

Die Kletterkünstler der Hajar-Berge

Hoch oben auf den schroffen Felsen der Hajar-Berge lebt der Arabische Tahr, eine seltene Wildziegenart mit kräftigen Schultern und erstaunlicher Trittsicherheit. Wer Glück hat, kann ihn für ein paar Sekunden beobachten.



Ein kurzes Innehalten auf einem Felsvorsprung, dann verschwindet das Tier wieder zwischen den Steinen. Oman hat früh begonnen, solche Arten unter Schutz zu stellen; bereits Sultan Qaboos verhängte in den 1970er Jahren ein Jagdverbot.

Auf den Spuren des Arabischen Leoparden

Noch seltener ist ein anderes Tier, das fast mythischen Status besitzt: der Arabische Leopard. Er gilt als eine der am stärksten bedrohten Grosskatzen der Welt. Experten schätzen, dass nur noch rund 100 bis 120 Tiere existieren, einige davon im Süden Omans. In den Bergen von Dhofar erzählt man sich von nächtlichen Sichtungen, von Pfotenabdrücken in der Nähe von abgelegenen Dörfern oder von einem kurzen Aufleuchten der Augen im Scheinwerferlicht. Meist bleiben es aber vage Geschichten. Der Leopard entzieht sich dem Menschen konsequent und vermutlich ist genau das sein Überlebensgeheimnis.

Die sanften Riesen vor Omans Küste

Während die Tiere der Berge sich am liebsten verstecken, sind die Meeresbewohner grosszügiger mit ihrem Erscheinen. Vor Maskat gleiten Delfine oft direkt neben den kleinen Booten her, als wollten sie die Besucher persönlich begrüssen. In den Gewässern des Landes leben etwa 20 Wal- und Delfinarten, darunter sogar Buckelwale und Walhaie.



Die Population der Arabischen See-Buckelwale gilt als einzigartig, weil sie das ganze Jahr über in der Region bleibt und nicht wandert wie andere Buckelwale weltweit. Vermutlich existieren weniger als 100 Tiere. Die Walhaie hingegen schwimmen nur in den Sommermonaten an Omans Küste vorbei.

Nächtliche Gäste am Strand

Besonders eindrucksvoll ist Oman dort, wo Meer und Wüste ineinander übergehen. Im Schutzgebiet Ras al Jinz an der Ostküste kriechen nachts riesige Meeresschildkröten an Land, um ihre Eier abzulegen. Über 20’000 Grüne Meeresschildkröten kommen alljährlich an diese Küste zurück. Besucher sitzen dann schweigend im Dunkeln und beobachten das Schaben der Flossen und das Rauschen des Indischen Ozeans.





Die Rückkehr der Wüstenantilope

Auch die Wüste des Landes ist keineswegs leer. In Zentral-Oman lebt die Arabische Oryxantilope, ein Tier, das schon fast verschwunden war. In den frühen 1970er Jahren galt die Art in freier Wildbahn als ausgestorben. Erst internationale Zuchtprogramme ermöglichten ihre Rückkehr. 1982 wurden die ersten Tiere wieder in Oman ausgewildert.

Heute gilt die Rettung der Oryx als eine der grossen Erfolgsgeschichten des internationalen Artenschutzes. Wer durch die weiten Ebenen der Jiddat al-Harasis fährt, versteht schnell, warum die Tiere hier so schwer zu entdecken sind. Die Landschaft wirkt wie ein endloses Geröllfeld, vereinzelte Büsche. Und plötzlich stehen sie da – blendend weiss im Morgenlicht, als hätte jemand sie mitten in die Wüste gemalt. Die Oryxantilope scheint perfekt für diesen Ort geschaffen zu sein. Sie kann extreme Trockenheit überstehen und gräbt mit den Hufen kühlere Sandmulden zum Ruhen.



Inszenierte Tierbeobachtungen gibt es in Oman nicht, man braucht Geduld, Aufmerksamkeit und viel Glück. Aber gerade darin liegt die besondere Qualität: Die Tiere sind eben nicht Teil einer touristischen Kulisse, sondern Herren ihres eigenen Lebensraums. Der Mensch bleibt hier Besucher.

 

Quelle: Lieb Management & Beteiligung
Bildquellen: Bild 1: Ministry of Heritage & Tourism Sultanate of Oman; Bild 2: kingma photos/Shutterstock.com; sonstige Bilder: Ministry of Heritage & Tourism Sultanate of Oman