Vom Wolf zum Hund: Wie alte DNA aus der Schweiz die Geschichte neu schreibt
von belmedia Redaktion #Schweizweit Allgemein Archäologie Draussen Forschung Haustiere Hunde hundenews.ch Magazine nachrichtenticker.ch Natur News Orte Rassen Regionen Schweiz Schweiz Themen Tiere Tierwelt tierwelt.news Wildtiere Ⳇ Verbreitung
Ein unscheinbarer Knochen aus einer Höhle kann eine Geschichte verändern, die vor Jahrtausenden begann. Neue DNA-Analysen zeigen: Hunde lebten bereits vor mindestens 15’800 Jahren eng mit Menschen zusammen. Auch ein Fund aus dem Kesslerloch bei Thayngen spielt dabei eine wichtige Rolle.
Die Ergebnisse zweier umfangreicher Studien rücken den Ursprung des Haushundes weiter in die letzte Eiszeit zurück. Sie beweisen jedoch nicht, wann und wo der erste Wolf zum Hund wurde. Genau diese Unterscheidung ist wichtig. Sicher ist nun: Lange vor Landwirtschaft, Viehzucht und festen Siedlungen waren Hunde bereits über grosse Teile Europas und Anatoliens verbreitet.
Ein Schweizer Fundstück wird neu eingeordnet
Das Kesslerloch bei Thayngen im Kanton Schaffhausen gehört zu den bedeutendsten Fundstätten der späten Altsteinzeit in der Schweiz. Menschen nutzten die Höhle vor rund 14’000 Jahren als zeitweiligen Lagerplatz. Archäologen fanden dort Werkzeuge, Schmuck, Tierknochen und eindrückliche Kunstwerke.
Unter den Tierknochen befand sich auch der Oberkiefer eines kleinen hundeartigen Tieres. Bereits frühere Untersuchungen hatten vermuten lassen, dass es sich um einen domestizierten Hund handeln könnte. Die äusseren Merkmale allein reichten jedoch nicht aus, um diese Einordnung zweifelsfrei zu bestätigen.
Eine 2026 in „Nature“ veröffentlichte Studie untersuchte 216 Überreste von hundeartigen Tieren aus europäischen Fundstätten. 181 davon stammten aus der Alt- oder Mittelsteinzeit. Mit einem neu entwickelten Verfahren konnten die Forschungsteams selbst stark zerfallene Erbgutreste gezielt anreichern und bei 141 Proben zwischen Hunde- und Wolfsabstammung unterscheiden.
Die ältesten Hundedaten dieser Untersuchung stammen von dem rund 14’200 Jahre alten Tier aus dem Kesslerloch. Seine genetische Linie war mit späteren europäischen Hunden verbunden. Der Fund spricht damit gegen die Vorstellung, dass die frühen Hunde Europas lediglich eine inzwischen vollständig verschwundene Nebenlinie darstellten.
Wie stark moderne Analyseverfahren historische Spuren neu lesbar machen können, zeigt auch der Beitrag über Wissenschaft in der Denkmalpflege.
Der älteste genetisch bestätigte Hund stammt aus Anatolien
Eine zweite, ebenfalls 2026 in „Nature“ erschienene Untersuchung setzte noch früher an. Ein internationales Team analysierte Kern-DNA und mitochondriale DNA aus verschiedenen archäologischen Funden. Im Mittelpunkt standen Überreste aus Pınarbaşı in der heutigen Türkei und aus Gough’s Cave im Südwesten Englands.
Das Tier aus Pınarbaşı lebte vor ungefähr 15’800 Jahren. Der Hund aus Gough’s Cave ist etwa 14’300 Jahre alt. Durch den Vergleich mit den Erbgutdaten von mehr als 1’000 modernen und historischen Hunden und Wölfen konnten beide eindeutig der Hundelinie zugeordnet werden.
Bis zu dieser Untersuchung stammte der älteste zweifelsfreie genetische Hundenachweis von einem etwa 10’900 Jahre alten Tier aus Karelien. Der neue Fund verschiebt die gesicherte genetische Geschichte des Hundes somit um fast 5’000 Jahre weiter zurück.
Zusammen mit Funden aus dem Kesslerloch, aus Bonn-Oberkassel und aus italienischen Höhlen ergibt sich ein überraschend klares Bild: Spätestens vor rund 14’000 Jahren lebten Hunde bereits in weit voneinander entfernten Regionen zwischen Anatolien, Mitteleuropa und Grossbritannien.
Warum Knochen Hund und Wolf kaum unterscheiden lassen
Die Suche nach dem ersten Hund ist komplizierter, als es zunächst klingt. Heute unterscheidet sich ein Chihuahua deutlich von einem Wolf. Bei den ersten domestizierten Hunden waren solche Unterschiede jedoch wesentlich kleiner.
Domestizierung ist kein einzelner Moment. Es handelt sich um einen Prozess über viele Generationen. Verhalten und Fortpflanzung können sich bereits verändern, bevor diese Veränderungen am Skelett deutlich sichtbar werden. Ein Tier kann also enger mit Menschen zusammenleben, zahmer sein oder sich überwiegend innerhalb einer vom Menschen betreuten Gruppe vermehren, obwohl sein Schädel noch stark an einen Wolf erinnert.
Einzelne Merkmale wie eine verkürzte Schnauze, kleinere Zähne oder eng stehende Backenzähne liefern Hinweise. Sie sind für sich genommen aber kein endgültiger Beweis. Manche Wölfe besitzen ebenfalls ungewöhnliche Körpermerkmale. Zudem können Alter, Geschlecht und regionale Unterschiede die Form der Knochen beeinflussen.
Das Erbgut eröffnet einen anderen Zugang. Kern-DNA enthält Informationen aus der gesamten Abstammungslinie eines Tieres. Mitochondriale DNA wird dagegen über die mütterliche Linie vererbt und liegt in den Zellen in vielen Kopien vor. Deshalb lässt sie sich aus sehr alten Knochen oft leichter gewinnen. Besonders aussagekräftig wird die Untersuchung, wenn beide DNA-Arten mit Datierungen, Skelettmerkmalen und dem archäologischen Fundzusammenhang kombiniert werden.
Der erste Hund ist damit noch nicht gefunden
Die Bezeichnung „älteste Hunde-DNA“ darf nicht mit dem Beginn der Domestizierung verwechselt werden. Der rund 15’800 Jahre alte Hund aus Pınarbaşı ist der derzeit älteste direkt genetisch bestätigte Hund. Der eigentliche Übergang vom Wolf zum Hund muss jedoch früher begonnen haben.
Die untersuchten Hunde waren zu diesem Zeitpunkt bereits über Tausende Kilometer verbreitet. Zudem unterschieden sich westliche und östliche Hundelinien genetisch voneinander. Solche Unterschiede entstehen nicht über Nacht. Die Ergebnisse sprechen deshalb dafür, dass die Domestizierung tiefer in die letzte Eiszeit zurückreicht.
Wann sie begann, lässt sich aus den neuen Daten nicht exakt ableiten. Auch der geografische Ursprung bleibt offen. Frühere Berechnungen kamen je nach Methode zu sehr unterschiedlichen Zeiträumen. Einige besonders alte Schädel wurden zunächst als frühe Hunde eingeordnet, später durch umfassendere DNA-Untersuchungen jedoch ausgestorbenen Wolfslinien zugerechnet.
Die Forschung kennt damit nun einen sicheren zeitlichen Mindestwert. Vor mindestens 15’800 Jahren existierten Hunde. Wie viele Jahrtausende zuvor Menschen und Wölfe begannen, sich einander anzunähern, bleibt eine offene Frage.
Hunde waren schon vor der Landwirtschaft weit verbreitet
Vor 15’000 Jahren gab es in Europa weder Bauernhöfe noch Viehherden. Die Menschen lebten als Jäger und Sammler in regional unterschiedlichen Gemeinschaften. Sie folgten Wildbeständen, sammelten Pflanzen, fischten und nutzten saisonale Lagerplätze.
Genetisch ähnliche Hunde wurden jedoch bei Menschengruppen gefunden, die kulturell und genetisch deutlich voneinander verschieden waren. Daraus ergibt sich eine bemerkenswerte Möglichkeit: Hunde könnten zwischen verschiedenen Gemeinschaften weitergegeben oder über weitreichende Kontaktnetze verbreitet worden sein.
Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass Hunde wie moderne Handelsgüter behandelt wurden. Sie könnten Menschen bei Wanderungen begleitet haben, bei Begegnungen zwischen Gruppen den Besitzer gewechselt oder zusammen mit Familien in neue Gebiete gelangt sein. Die grosse Entfernung zwischen Pınarbaşı und Gough’s Cave zeigt jedenfalls, wie weit die frühen Hunde in West-Eurasien verbreitet waren.
Für Menschen, die mit begrenzten Vorräten lebten, war die Versorgung eines zusätzlichen Tieres aufwendig. Dass Hunde trotzdem gehalten und weitergegeben wurden, spricht für ihre hohe Bedeutung. Welche Aufgaben sie übernahmen, lässt sich nicht direkt aus ihren Genen ablesen.
Waren die ersten Hunde Jagdhelfer oder Wächter?
Hunde könnten Wild aufgespürt, vor Raubtieren oder fremden Menschen gewarnt und das Lager bewacht haben. Möglich ist ebenfalls, dass sie bei der Jagd verletzte Tiere verfolgten oder beim Transport kleiner Lasten halfen. Keine dieser Aufgaben ist für die frühesten Hunde jedoch eindeutig bewiesen.
Auch eine rein praktische Betrachtung wäre zu kurz gegriffen. Die Fundzusammenhänge deuten darauf hin, dass manche Hunde eine soziale oder kulturelle Bedeutung besassen.
In Pınarbaşı wurden sehr junge Hunde in demselben Bereich wie menschliche Bestattungen niedergelegt. Isotopenanalysen lieferten zudem Hinweise darauf, dass die dortigen Hunde Fisch gefressen hatten. Die Tiere nutzten somit Nahrungsquellen, die eng mit dem Leben der Menschen am Fundort verbunden waren.
In Gough’s Cave fanden Forscher Bearbeitungsspuren an einem Hundekiefer. Auch menschliche Überreste waren dort nach dem Tod auf besondere Weise behandelt worden. Die genaue Bedeutung dieser Handlungen ist nicht mehr rekonstruierbar. Sie zeigen jedoch, dass Hunde nicht einfach wie beliebige Wildtiere behandelt wurden.
Was alte Hunde mit heutigen Rassen verbindet
Die untersuchten Hunde aus Anatolien und Westeuropa gehörten überwiegend zu einer west-eurasischen Abstammungslinie. Sie waren genetisch näher mit den Vorfahren heutiger europäischer und nahöstlicher Hunde verbunden als mit arktischen Linien.
Das bedeutet jedoch nicht, dass vor 15’000 Jahren bereits Boxer, Salukis oder andere heutige Rassen lebten. Moderne Hunderassen entstanden wesentlich später, viele sogar erst in den vergangenen Jahrhunderten. Die Vergleiche beziehen sich auf tiefer liegende Abstammungsanteile, nicht auf das damalige Aussehen oder den Charakter bestimmter Rassen.
Einen Überblick darüber, wie Abstammung und moderne Genanalysen bei heutigen Hunden eingeordnet werden, bietet der Beitrag zur genetischen Ahnenforschung bei Hunden.
Eine weitere wichtige Entwicklung setzte später ein. Während der Mittelsteinzeit gelangten östliche Hundelinien nach Europa. Die zweite „Nature“-Studie zeigt, dass sich westliche und östliche Abstammungsanteile bereits vor mindestens 10’900 Jahren vermischt hatten. Teile beider Linien finden sich bis heute im Erbgut europäischer Hunde.
Die Geschichte des Haushundes gleicht deshalb keinem geraden Stammbaum. Sie ist ein Geflecht aus Wanderungen, Trennungen, Begegnungen und gelegentlicher Vermischung. Hunde zogen offenbar häufig mit Menschen mit, aber nicht immer verlief die Geschichte beider Arten exakt parallel.
Hund und Wolf waren bereits deutlich getrennt
Besonders aufschlussreich ist das Verhältnis der frühen Hunde zu den damaligen Wölfen. Die analysierten Hunde bildeten bereits eine weitgehend eigenständige Fortpflanzungsgemeinschaft. Trotz des gemeinsamen Vorkommens von Hund und Wolf floss über lange Zeit erstaunlich wenig Wolfserbgut in die Hundepopulationen ein.
Das deutet auf eine klare Grenze hin. Möglicherweise kontrollierten Menschen, welche Tiere sich fortpflanzen durften. Ebenso denkbar sind Verhaltensunterschiede, unterschiedliche Lebensräume oder eine soziale Bindung der Hunde an menschliche Gruppen, die Kontakte zu wilden Wölfen einschränkte.
Damit zeigt die Forschung etwas Entscheidendes: Die frühen Hunde waren nicht einfach zahme Wölfe, die gelegentlich an einem Lagerplatz auftauchten. Spätestens vor rund 16’000 Jahren bildeten sie eine genetisch unterscheidbare Gruppe, die fest in das Leben verschiedener Jäger- und Sammlergemeinschaften eingebunden war.
Was die Forschung noch beantworten muss
Die neuen Untersuchungen klären viel, lösen aber das Rätsel um den Ursprung des Hundes nicht vollständig. Mehrere Kernfragen bleiben offen:
- Wann begann die Domestizierung? Der Prozess muss vor dem ältesten bestätigten Fund eingesetzt haben. Sein genauer Beginn ist unbekannt.
- Wo lebte die entscheidende Wolfspopulation? Bislang lässt sich keine bestimmte Region zweifelsfrei als Ursprungsgebiet festlegen.
- Wie begann die Annäherung? Möglich sind freiwillige Kontakte weniger scheuer Wölfe ebenso wie die gezielte Aufzucht junger Tiere durch Menschen.
- Welche Aufgaben hatten die ersten Hunde? Jagd, Bewachung und Warnung sind plausible Erklärungen, aber bislang nicht eindeutig belegt.
- Wie sahen diese Tiere aus? Genetische Zugehörigkeit sagt nur begrenzt etwas über Fell, Körperbau und Verhalten aus.
Weitere Knochenfunde und verbesserte Analyseverfahren könnten die zeitliche Lücke verkleinern. Entscheidend wird sein, DNA-Daten weiterhin mit Archäologie, Isotopenanalysen und sorgfältigen Datierungen zu verbinden.
Video-Tipp: Wie der Wolf zum Hund wurde
Der deutschsprachige Beitrag von „Geschichten aus der Geschichte“ zeichnet ausführlich nach, wie sich die Beziehung zwischen Menschen, Wölfen und frühen Hunden entwickelt haben könnte. Das Video dauert rund 43 Minuten und ordnet archäologische sowie genetische Erkenntnisse verständlich ein.
Fazit
Der Hund wurde nicht erst zum Begleiter des Menschen, als die ersten Dörfer, Felder und Viehherden entstanden. Er war bereits Teil des menschlichen Lebens, als kleine Gemeinschaften durch eiszeitliche Landschaften zogen.
Der rund 15’800 Jahre alte Hund aus Pınarbaşı ist derzeit der älteste direkte genetische Nachweis. Der Fund aus dem Kesslerloch zeigt zugleich, dass frühe Hunde auch auf dem Gebiet der heutigen Schweiz lebten und genetische Spuren hinterliessen, die in späteren europäischen Hundepopulationen weiterwirkten.
Die Studien liefern kein genaues Datum für den Moment, in dem aus einem Wolf ein Hund wurde. Wahrscheinlich gab es diesen einen Moment ohnehin nie. Die Domestizierung war ein langer Prozess. Die neuen DNA-Daten zeigen aber, dass er bereits weit fortgeschritten war, als Landwirtschaft und andere Haustiere noch mehr als 10’000 Jahre in der Zukunft lagen.
Bildquellen: Bild 1: Symbolbild © Lumora Pixels/Shutterstock.com; Bild 2: Symbolbild © NERYXCOM/Shutterstock.com; Bild 3: Symbolbild © Gorodenkoff/Shutterstock.com; Bild 4: Symbolbild © Mariya Kuzema/Shutterstock.com