Wie man sich gegen künftige Grippe-Varianten schützt: Was die Wissenschaft empfiehlt
von belmedia Redaktion Allgemein News Spital Tipps Todesfälle Vital xund24.ch
Die Grippe ist keine stabile Krankheit – sie verändert sich jedes Jahr, passt sich an und überrascht selbst erfahrene Immunsysteme immer wieder neu. Wer sich nachhaltig schützen will, braucht mehr als die Erinnerung an die letzte Impfung.
Jedes Jahr im Herbst beginnt das gleiche Ritual: Die Gesundheitsbehörden analysieren die zirkulierenden Influenzaviren, treffen eine Prognose über die wahrscheinlichsten Varianten der kommenden Saison und passen den Grippeimpfstoff entsprechend an. Manchmal liegt die Prognose gut, manchmal weniger gut – und in beiden Fällen ist die Bevölkerung mit einer neuen Variante konfrontiert, gegen die der Schutz unvollständig sein kann. Hinzu kommen gelegentlich pandemische Ausbrüche mit völlig neuen Virusstämmen, wie die Welt zuletzt 2009 mit der Schweinegrippe und 2020 mit einem neuartigen Coronavirus erlebt hat. Wer versteht, wie Grippeviren funktionieren und welche Schutzmassnahmen wirklich wirken, ist besser gerüstet als jene, die nur auf den nächsten Impftermin warten.
Warum Grippeviren sich so schnell verändern
Das Influenzavirus ist ein Meister der Verwandlung. Es verändert sich schneller als fast jedes andere bekannte Virus – und das hat biologische Gründe, die direkt erklären, warum ein Schutz von einem Jahr nicht automatisch für das nächste gilt.
Antigendrift und Antigenshift: Die zwei Mutationsmechanismen
Grippeviren verändern sich auf zwei grundlegend verschiedene Arten. Der Antigendrift ist ein langsamer, kontinuierlicher Prozess: Bei jeder Vermehrung des Virus entstehen kleine Kopierfehler im Erbgut – Mutationen, die die Oberfläche des Virus leicht verändern. Das Immunsystem, das die alte Version kannte, erkennt die neue nicht mehr zuverlässig. Dieser Prozess ist der Grund warum die Grippeimpfung jedes Jahr angepasst werden muss.
Der Antigenshift ist dramatischer und seltener: Zwei verschiedene Grippeviren infizieren gleichzeitig die gleiche Zelle – etwa in einem Schwein oder Vogel – und tauschen dabei grosse Abschnitte ihres Erbguts aus. Das Ergebnis ist ein völlig neues Virus, gegen das die Weltbevölkerung kaum Immunität besitzt. Solche Ereignisse sind der Ausgangspunkt von Grippe-Pandemien.
- Antigendrift: kontinuierliche kleine Mutationen – Grund für jährliche Impfanpassung
- Antigenshift: grosser Erbgutaustausch zwischen zwei Virusstämmen – Ausgangspunkt von Pandemien
- Influenza A: mutiert am schnellsten, verantwortlich für alle bekannten Pandemien
- Influenza B: stabiler, verursacht meist saisonale Epidemien ohne Pandemie-Potenzial
- Tierreservoire: Vögel und Schweine sind die wichtigsten Wirtstiere für neue Virusstämme
1918 Spanische Grippe (H1N1): schwerste Pandemie der Geschichte, 20–50 Millionen Tote weltweit. 1957 Asiatische Grippe (H2N2): ca. 1–2 Millionen Tote weltweit. 1968 Hongkong-Grippe (H3N2): ca. 1 Million Tote weltweit. 2009 Schweinegrippe (H1N1pdm09): milder Verlauf, aber weltweite Ausbreitung. Aktuell beobachtet: H5N1 Vogelgrippe – kein effizienter Mensch-zu-Mensch-Übertrag bisher, aber intensiv überwacht.
Die Grippeimpfung: Was sie kann und was nicht
Die Grippeimpfung ist das wirksamste Einzelinstrument zum Schutz vor Influenza – aber sie ist kein Allheilmittel und ihre Grenzen müssen verstanden werden, um realistische Erwartungen zu haben.
Wie der Impfstoff jedes Jahr entsteht
Die Weltgesundheitsorganisation WHO koordiniert ein globales Netz von Überwachungsstationen, die das ganze Jahr über zirkulierende Grippeviren analysieren. Im Februar jeden Jahres trifft ein Expertengremium eine Prognose, welche Virusstämme in der nächsten Wintersaison der Nordhalbkugel wahrscheinlich dominant sein werden – und legt die Zusammensetzung des Impfstoffs fest. Die Hersteller haben dann etwa sechs Monate Zeit um den Impfstoff zu produzieren.
Wirksamkeit: Realistisch einschätzen
Die Wirksamkeit des Grippeimpfstoffs schwankt je nach Übereinstimmung zwischen Impfstoff und tatsächlich zirkulierenden Viren. In guten Jahren – wenn die Prognose stimmt – liegt die Schutzwirkung bei 40 bis 60 Prozent. In schlechten Jahren – wenn neue Varianten die Prognose überholen – kann sie deutlich tiefer liegen. Das klingt bescheiden, muss aber im Kontext gesehen werden: Selbst ein 40-prozentiger Schutz bedeutet weniger schwere Erkrankungen, weniger Hospitalisierungen und weniger Todesfälle – besonders bei Risikogruppen.
Empfohlene Risikogruppen: Personen über 65 Jahre, Schwangere, Menschen mit chronischen Erkrankungen (Herz, Lunge, Diabetes, Immunschwäche), Bewohner von Pflegeheimen. Optimaler Zeitpunkt: Oktober bis Mitte November – vor Beginn der Grippesaison. Kosten: wird von der Grundversicherung übernommen für Risikogruppen. Neue Hochdosis-Impfstoffe: für Personen über 65 Jahre verfügbar, höhere Immunantwort als Standardimpfstoff.
mRNA-Impfstoffe: Die Zukunft der Grippeimpfung
Die COVID-19-Pandemie hat die mRNA-Technologie in die breite Öffentlichkeit gebracht – und diese Technologie wird die Grippeimpfung grundlegend verändern. Traditionelle Grippeimpfstoffe werden in Hühnereiern hergestellt, was einen langen Produktionsprozess erfordert und Komplikationen verursachen kann wenn das Virus im Ei mutiert. mRNA-Impfstoffe können dagegen in Wochen statt Monaten hergestellt werden und erlauben eine viel schnellere Reaktion auf neue Varianten.
Universelle Grippeimpfstoffe: Ein Ziel der Forschung
Das grösste Ziel der Grippeimpfstoff-Forschung ist ein universeller Impfstoff – einer der nicht jährlich angepasst werden muss, weil er gegen alle bekannten und künftigen Influenzaviren schützt. Forschungsgruppen weltweit – darunter Teams an der Universität Zürich und der ETH – arbeiten an Impfstoffen, die nicht gegen die veränderliche Oberfläche des Virus gerichtet sind, sondern gegen konservierte Bereiche, die sich kaum mutieren. Erste klinische Studien sind vielversprechend.
- mRNA-Grippeimpfstoffe: in klinischen Studien, Zulassung in den nächsten Jahren erwartet
- Produktionszeit mRNA: Wochen statt Monate – entscheidender Vorteil bei Pandemien
- Universeller Grippeimpfstoff: Ziel der Forschung, erste Phase-3-Studien laufen
- ETH Zürich: beteiligt an der Entwicklung von Breitband-Influenza-Impfstoffen
- Nasaler Impfstoff: in der Entwicklung – würde Immunität direkt an der Eintrittspforte des Virus aufbauen
Das Immunsystem stärken: Was wirklich hilft
Neben der Impfung gibt es eine Reihe von Massnahmen, die das Immunsystem grundsätzlich stärken und damit die Fähigkeit des Körpers verbessern, Grippeviren – bekannte wie unbekannte – abzuwehren. Diese Massnahmen sind keine Alternativmedizin, sondern durch solide Forschung gestützte Empfehlungen.
Schlaf: Der unterschätzte Immun-Booster
Schlaf ist das mächtigste Immunsystem-Werkzeug, das dem Menschen zur Verfügung steht – und gleichzeitig das am häufigsten vernachlässigte. Im Schlaf produziert der Körper Zytokine – Signalproteine, die Infektionen bekämpfen und Entzündungen regulieren. Schlafmangel reduziert die Produktion dieser Proteine messbar. Studien zeigen, dass Menschen die weniger als 6 Stunden pro Nacht schlafen viermal häufiger erkälten als jene die 7 oder mehr Stunden schlafen.
- 7–9 Stunden Schlaf pro Nacht: Grundvoraussetzung für ein funktionierendes Immunsystem
- Regelmässige Schlafzeiten: der Körper bevorzugt feste Rhythmen für die Immunregulation
- Bewegung: regelmässige moderate Ausdauerbelastung stärkt das Immunsystem nachweislich
- Vitamin D: Mangel ist mit erhöhter Grippeempfindlichkeit assoziiert – besonders im Winter relevant
- Rauchen aufhören: Raucher erkranken häufiger und schwerer an Influenza – die Schleimhäute sind vorgeschädigt
Vitamin D wird hauptsächlich durch Sonnenlichteinwirkung auf die Haut produziert. Im Schweizer Winter – Oktober bis März – ist die Sonneneinstrahlung zu schwach für ausreichende Eigenproduktion. Empfohlene Tagesdosis Erwachsene: 800–2’000 IE (Internationale Einheiten). Risikogruppen für Mangel: ältere Menschen, Menschen mit dunkler Haut, Personen die selten draussen sind. Blutwert kontrollieren: beim Hausarzt, Zielwert 25-OH-Vitamin-D im Blut: 50–80 nmol/l.
Hygienemassnahmen: Simpel aber hochwirksam
Die einfachsten Schutzmassnahmen gegen Grippe sind gleichzeitig die wirksamsten – und werden im Alltag am häufigsten vernachlässigt. Grippeviren übertragen sich hauptsächlich über Tröpfchen beim Husten, Niesen und Sprechen sowie über kontaminierte Oberflächen.
Händewaschen: Die unterschätzte Schutzbarriere
Regelmässiges gründliches Händewaschen mit Seife und Wasser über mindestens 20 Sekunden reduziert die Übertragung von Atemwegsviren um bis zu 40 Prozent. Besonders kritische Zeitpunkte sind nach dem Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel, nach dem Händeschütteln, vor dem Essen und nach dem Naseputzen. Händedesinfektionsmittel sind eine praktische Ergänzung – aber kein vollwertiger Ersatz für Seife und Wasser.
- Händewaschen: mindestens 20 Sekunden mit Seife, besonders nach öffentlichem Kontakt
- Gesicht nicht berühren: Viren gelangen über Augen, Nase und Mund in den Körper
- In die Ellenbeuge husten und niesen: reduziert Tröpfchenverbreitung erheblich
- Lüften: regelmässiges Stosslüften reduziert die Viruskonzentration in Innenräumen
- Abstand halten: bei erkrankten Personen mindestens 1,5 Meter Abstand wahren
Antivirale Medikamente: Was bei neuen Varianten verfügbar ist
Sollte eine neue Grippevariante auftreten, gegen die der aktuelle Impfstoff keinen ausreichenden Schutz bietet, sind antivirale Medikamente die wichtigste therapeutische Option. Oseltamivir – bekannt unter dem Handelsnamen Tamiflu – und Zanamivir hemmen das Enzym Neuraminidase, das Grippeviren für die Ausbreitung im Körper benötigen. Sie wirken gegen alle bekannten Influenza-A- und -B-Stämme und müssen innerhalb von 48 Stunden nach Symptombeginn eingenommen werden um wirksam zu sein.
Oseltamivir (Tamiflu): verschreibungspflichtig, wirksam wenn innerhalb 48 Stunden nach Symptombeginn eingenommen. Indikation: Risikogruppen, schwere Verläufe, Pandemie-Situation. Nationale Reserve: die Schweiz verfügt über eine strategische Reserve antiviraler Mittel für Pandemiefälle. Resistenzen: gegen Oseltamivir resistente Stämme kommen vor – Baloxavir als neuere Alternative verfügbar. Wichtig: antivirale Mittel sind kein Ersatz für die Impfung sondern eine Ergänzung.
Vorbereitung auf künftige Pandemien: Was auf individueller Ebene möglich ist
Pandemien lassen sich nicht verhindern – aber ihre Auswirkungen auf den Einzelnen können durch vorausschauendes Handeln erheblich gemildert werden. Wer ein grundsätzlich starkes Immunsystem hat, regelmässig geimpft ist, gute Hygienepraktiken pflegt und im Pandemiefall schnell Zugang zu medizinischer Versorgung hat, ist besser gerüstet als der Durchschnitt. Dazu kommt das Bewusstsein, dass Informationen aus seriösen Quellen – dem Bundesamt für Gesundheit BAG, der WHO und dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten ECDC – verlässlicher sind als Social-Media-Gerüchte, die sich in Krisenzeiten schneller verbreiten als die Viren selbst.
Quelle: xund24.ch-Redaktion
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