Schnee, Eis und Kälte: Wie Wildtiere durch den Winter kommen
von belmedia Redaktion Allgemein Natur & Umwelt News Schweiz Tierwelt tierwelt.news Wildtiere
Wenn die ersten Schneeflocken fallen und die Temperaturen sinken, beginnt für die Wildtiere der Schweiz eine der härtesten Phasen des Jahres. Doch die Natur hat im Laufe der Evolution erstaunliche Strategien entwickelt, um zu überleben.
Kein Supermarkt, keine Heizung, kein warmes Bett – und trotzdem überleben Tausende von Wildtieren jeden Winter in der Schweiz, von den verschneiten Alpengipfeln bis in die nebligen Mittellandtäler. Ob Winterschlaf, Winterruhe oder trotzige Aktivität bei minus 20 Grad: Jede Art hat ihre eigene Strategie entwickelt, um die kalte Jahreszeit zu überstehen. Diese Strategien sind das Ergebnis von Millionen von Jahren Evolution – und sie sind faszinierend in ihrer Vielfalt und Präzision.
Drei Grundstrategien: Schlafen, Ausharren oder Fliehen
Die Wildtiere der Schweiz begegnen dem Winter auf drei grundlegend verschiedene Arten. Die erste Gruppe zieht sich in den Winterschlaf oder die Winterruhe zurück und übersteht die kalte Jahreszeit im Dämmerzustand. Die zweite Gruppe bleibt aktiv, passt aber Verhalten, Ernährung und Energiehaushalt an die winterlichen Bedingungen an. Die dritte Gruppe verlässt die Schweiz ganz und verbringt den Winter in wärmeren Regionen – die Zugvögel.
Winterschlaf (Hibernation): Körpertemperatur sinkt auf wenige Grad über null, Herzschlag und Atmung verlangsamen sich extrem. Tiere: Igel, Fledermäuse, Murmeltier. Winterruhe: Tier schläft tief, kann aber bei Störung oder Wärme aufwachen. Körpertemperatur bleibt relativ hoch. Tiere: Bär, Dachs, Waschbär. Kältestarre: Körpertemperatur sinkt passiv mit der Umgebung. Tier ist bewegungsunfähig. Tiere: Reptilien, Amphibien, viele Insekten.
Winterschlaf: Die radikale Lösung
Der Winterschlaf ist die konsequenteste Antwort auf den Winter. Tiere, die echten Winterschlaf halten, senken ihre Körpertemperatur, ihren Herzschlag und ihren Stoffwechsel auf ein Minimum – und zehren monatelang von den im Herbst angefressenen Fettreserven. In der Schweiz halten mehrere bekannte Arten echten Winterschlaf.
Das Murmeltier: Meister des Winterschlafs
Das Alpenmurmeltier ist wohl der bekannteste Winterschläfer der Schweiz. Ab Oktober zieht es sich in seinen tief im Boden gegrabenen Bau zurück, verstopft den Eingang mit Heu und Erde und schläft bis April. Während des Winterschlafs sinkt die Körpertemperatur auf 4 bis 7 Grad Celsius, der Herzschlag auf 3 bis 5 Schläge pro Minute. Die Familie schläft eng aneinandergedrängt – die Körperwärme der Gruppe hilft, die Energiereserven zu schonen. Jungtiere, die im ersten Winter zu wenig Fett angefressen haben, überleben den Winterschlaf oft nicht.
- Körpertemperatur im Winterschlaf: 4–7 °C (normal: 37–38 °C)
- Herzschlag: 3–5 Schläge pro Minute (normal: bis 200)
- Atemzüge: 1–3 pro Minute (normal: bis 40)
- Schlafdauer: Oktober bis März/April, je nach Höhenlage und Witterung
- Gewichtsverlust während des Winterschlafs: bis zu 30 % des Körpergewichts
Der Igel: Winterschlaf auf Gedeih und Verderb
Auch der Igel hält echten Winterschlaf – allerdings ist er dabei deutlich verletzlicher als das Murmeltier. Ein Igel, der im Herbst weniger als 500 Gramm wiegt, hat kaum Chancen, den Winter zu überleben. Da Igel keine sozialen Tiere sind und den Winterschlaf alleine verbringen, können sie bei plötzlichem Temperaturanstieg aufwachen, wertvolle Energie verbrauchen und dann verhungern, weil noch keine Nahrung verfügbar ist.
Die Schweiz beherbergt über 30 Fledermausarten – alle halten Winterschlaf. Typische Winterquartiere: Höhlen, Stollen, Keller, Dachböden. Kritisch: Fledermäuse dürfen im Winterschlaf nicht gestört werden – jedes Aufwachen kostet so viel Energie wie 30 Tage Schlaf. Schutzstatus: alle Fledermausarten sind in der Schweiz streng geschützt.
Winterruhe: Schlafen mit Unterbrechungen
Nicht alle Tiere, die im Winter weniger aktiv sind, halten echten Winterschlaf. Viele Arten fallen in eine sogenannte Winterruhe – ein tieferer Schlaf als im Sommer, aber ohne die extremen physiologischen Veränderungen des echten Winterschlafs. Der Dachs etwa verlässt seinen Bau auch im Winter gelegentlich an milden Tagen. Das Gleiche gilt für den Waschbär, der sich in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten stark ausgebreitet hat.
Der Braunbär: Winterruhe mit Nachwuchs
In der Schweiz ist der Braunbär zwar nur gelegentlicher Gast – einzelne Tiere wandern aus den angrenzenden Alpenländern ein – doch sein Winterverhalten ist besonders faszinierend. Bärinnen bringen ihre Jungen während der Winterruhe zur Welt, säugen sie, ohne selbst richtig aufzuwachen. Die Jungen kommen im Januar oder Februar zur Welt, wenn die Mutter in der Höhle liegt – ein Phänomen, das in der Tierwelt seinesgleichen sucht.
Aktiv durch den Winter: Überleben ohne Schlaf
Viele Schweizer Wildtiere verzichten ganz auf den Winterschlaf und bleiben das ganze Jahr über aktiv. Sie haben andere Strategien entwickelt: dickeres Fell, verändertes Fressverhalten, reduzierte Aktivität und soziales Zusammenrücken.
- Rothirsch: zieht im Winter in tiefere Lagen, frisst Rinde, Zweige und trockenes Gras
- Gämse: bleibt das ganze Jahr in den Alpen, ihr Winterfell ist doppelt so dicht wie das Sommerfell
- Steinbock: verbringt den Winter in Felsnähe, wo Wind den Schnee wegbläst und Nahrung zugänglich bleibt
- Fuchs: intensiviert die Jagd auf Mäuse, die er unter der Schneedecke mit seinem feinen Gehör aufspürt
- Reh: reduziert den Stoffwechsel im Winter um bis zu 30 % und bewegt sich so wenig wie möglich
Unter einer geschlossenen Schneedecke herrschen konstant etwa 0 °C – wärmer als die Aussenluft. In diesem Raum, der Subniveanzone, leben Mäuse, Spitzmäuse und viele Insekten den ganzen Winter. Sie bauen Tunnels, fressen Gräser und Wurzeln und sind für Fuchs, Wiesel und Schneeeule eine wichtige Nahrungsquelle – unsichtbar unter dem Schnee.
Was Menschen tun können – und was sie lassen sollten
Der Winter ist für Wildtiere eine Zeit der extremen Energieknappheit. Jede unnötige Störung kostet Energie, die lebensnotwendig ist. Skifahrer, Snowboarder und Winterwanderer, die abseits der markierten Wege unterwegs sind, können Rehe, Gämsen und Auerhühner in Panik versetzen – mit fatalen Folgen. Ein aufgeschrecktes Reh verbraucht in wenigen Minuten Flucht so viel Energie wie in mehreren Tagen ruhiger Winteraktivität.
- Markierte Wege und Pisten nicht verlassen – besonders in Wildschutzgebieten
- Hunde an der Leine führen – frei laufende Hunde sind eine der grössten Wintergefahren für Wildtiere
- Keine Fütterung von Wildtieren – gut gemeint, aber oft schädlich für Gesundheit und natürliches Verhalten
- Winterquartiere nicht stören – Holzstapel, Laubhaufen und Höhlen können Winterschläfer beherbergen
Ein geschwächtes oder verletztes Wildtier im Winter sollte nicht angefasst werden. Zuständig sind kantonale Wildhüter, die Tierrettung oder regionale Wildtieraufnahmestationen. In der Schweiz gibt es ein dichtes Netz solcher Stationen. Kontakte finden sich auf der Website des Bundesamts für Umwelt (BAFU) oder bei der Schweizerischen Vogelwarte Sempach.
Quelle: tierwelt.news-Redaktion
Bildquellen: Bild 1: => Symbolbild © Mario Krpan/shutterstock.com; Bild 2: => Symbolbild © Lucie Bartikova/shutterstock.com